Der Oscar-nominierte US-Dokumentarfilm „Cashing Out“ widmet sich auf differenzierte Weise einem makabren Geschäftsmodell mit Lebensversicherungen von Aidskranken in den 1990er Jahren. Während der Aidskrise in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren sahen sich Aidserkrankte nicht nur mit einem nahen Tod konfrontiert, ihnen fehlte oftmals auch das Notdürftigste zum Leben. Viele waren nicht mehr arbeitsfähig oder verloren aufgrund ihrer Infektion ihren Job – und damit in den USA zumeist auch ihre Krankenversicherung. Hilfe vom Staat konnten sie nicht erwarten.
In dieser Notlage entstand ein bizarres und moralisch fragwürdiges Geschäftsmodell: Menschen mit Aids, die oft nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hatten, verkauften ihre Lebensversicherungen an private Investor*innen. Diese zahlten einen Teil des Versicherungswertes, der mit dem Tod fällig wurde, – mal nur 30, mal 80 Prozent – sofort aus. Die Anleger*innen erhielten nach dem Tod der Versicherten dann die volle Versicherungssumme. Die Listen, in denen solche Policen zum Verkauf angeboten wurden, nannten nicht nur Auszahlungswert und Kaufpreis, sondern auch die T-Helferzellzahl der Versicherten sowie deren voraussichtliche Lebenserwartung. Ein in jeder Hinsicht makabres Geschäft und für die Investor*innen eine Wette auf den Tod. Regisseur Matt Nadel, dessen eigener Vater sich an solchen Spekulationen beteiligte, lässt diesen in dem für den Oscar nominierten Dokumentarfilm „Cashing Out“ selbst zu Wort kommen. Vor allem aber gelingt es ihm im Laufe dieses rund 40-minütigen Films, dem Publikum deutlich zu machen, dass der Deal mit Lebensversicherungen aidskranker schwuler Männer in den 1980er-Jahren auch unter moralischen Aspekten komplexer ist, als man zunächst denken würde. Interviewt wird auch der „Erfinder“ des Geschäftsmodells, das aus einer persönlichen Not heraus entstanden. Pages Lebensgefährte Greg war an Aids erkrankt, die wenigen Ersparnisse waren aufgebraucht und die finanzielle Situation eine zusätzliche Belastung. Scott Page fiel auf, dass Greg neben den Ausgaben für das tägliche Leben monatlich auch eine Prämie für eine Lebensversicherung zahlen musste. Über eine Kleinanzeige bot Page die Police zum Verkauf an – und fand tatsächlich einen Abnehmer. Mit dem sofort ausgezahlten Geld konnte das Paar in ein Haus ziehen, sich einen Golden Retriever anschaffen, Reisen unternehmen und – wenn auch nur für eine überschaubare Zeit – genau das Leben führen, das sich Greg immer erträumt hatte.
„Cashing Out“, das von der Zeitschrift The New Yorker mitproduziert wurde, ist auf deren Website sowie auf YouTube kostenfrei abrufbar.
Szenefoto: (c) Nine Patch Pictures

