Die Tagebücher des Schriftstellers Horst Bienek sind nicht nur ein monumentales Panorama des 20. Jahrhunderts, sondern auch das intime Psychogramm eines schwulen Mannes zu dessen zwiespältigem Umgang mit Sexualität in Zeiten von Aids. Als Horst Bienek am 7. Dezember 1990 mit gerade einmal 60 Jahren starb, war selbstverständlich, dass alle großen Zeitungen den Schriftsteller mit Nachrufen würdigten. Denn der 1930 in Gleiwitz (heute Gliwice) geborene Münchner war nicht nur ein ungemein produktiver Autor, die „Gleiwitzer Tetralogie“ (1972 bis 1985) über seine Kindheit in Schlesien war ein international beachteter Bestseller. Darüber hinaus war er als Rundfunkredakteur, dtv-Lektor, Essayist, Journalist und Direktor der Literaturabteilung der Bayrischen Akademie einflussreich im Literaturbetrieb. Während der erklärte Antikommunist – er war 1951 in Ostberlin denunziert und in ein sowjetisches Straflager verschleppt worden – sich immer wieder zur Tagespolitik äußerte, wusste man wenig über die Privatperson. So sorgte die Nachricht, dass er an den Folgen von Aids gestorben war, für Aufsehen.
Seine Tagebücher wurden hingegen erst jetzt unter dem Titel „Es gibt nur die Kunst, die Liebe und den Tod. Dazwischen gibt es nichts“ veröffentlicht – ein Mammutwerk: 1550 Druckseiten Notate und 150 Seiten Erläuterungen plus Namensregister. Sein 35 Jahre nach seinem aidsbedingten Tod veröffentlichten Tagebücher sind neben tagespolitischen Beobachtungen einen intensiven Werkstattbericht des nach öffentlicher Anerkennung Strebenden sowie Anekdoten aus dem Kulturbetrieb, etwa über Wolfgang Koeppen, Hans Werner Henze, Fritz J. Raddatz oder David Hockney. Doch es gibt neben dem „offiziellen“ Horst Bienek auch den ganz privaten. Ab Oktober 1978 entschließt er sich zu absoluter „Offenheit, auch in erotischen Situationen. (…) Rücksichten (auf wen?) werde ich nicht nehmen.“ Seine Sexsucht und seine Versuche, sie in zügellosen Begegnungen zu befriedigen, schildert er fortan explizit. Ebenso seine Reaktionen auf die Aids-Hysterie, sein widersprüchliches Verhalten angesichts seiner Infektionsrisiken und schließlich auch den Verlauf seiner Aids-Erkrankung.
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Horst Bienek „Es gibt nur die Kunst, die Liebe und den Tod. Dazwischen gibt es nichts. Die Tagebücher 1951 bis 1990“. Nachwort von Michael Krüger. Carl Hanser Verlag, 1710 Seiten.

