Vier Jahrzehnte nach der Entdeckung des Virus ist eine HIV-Infektion behandelbar– und die Aidskrise der 1980er und 1990er Jahre ist in die Phase der Historisierung eingetreten. Abgesehen von der Spanischen Grippe hat keine Seuche im 20. Jahrhundert so viele Leben gekostet. Und keine hat so tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen bewirkt: gesellschaftspolitischer Art, etwa im öffentlichen Diskurs über Sexualität, der Sichtbarkeit von Homosexualität und dadurch auch für die Emanzipation queerer Menschen.
Axel Schock mit seiner globalen Chronik erzählt die Geschichte dieser Pandemie: wie sich ein Erreger zoonotischen Ursprungs über den gesamten Erdball ausbreitete und ganze Gemeinschaften verheerte. Er beschreibt die medizinische Erforschung, die gesellschaftliche Ausgrenzung HIV-Infizierter, den entschlossenen Kampf mutiger Aktivistinnen und Aktivisten. Vor allem aber erzählt Schock die Geschichte der Menschen hinter den Zahlen und Fakten. Aus Tagebucheinträgen, Dokumenten und Zeitzeugenberichten entsteht so ein polyphones Panorama von der Jahrhundertwende, der Entstehung des Virurs, bis Ende 2025 als die US-Regierung unter Trump mit der abrupten Streichung von Fördergeldern viele internationale HIV/-Aids-Projekte vor dem Aus stehen. Das multiperspektivisch erzählte Buch gibt jenen Menschen eine Stimme, für die auf unterschiedlichste Weise HIV/Aids Teil ihres Lebens ist: HIV-Infizierte und Erkrankte, An- und Zugehörige, Aktivist:innen, Menschen aus der Pflege, dem Gesundheitswesen und der Forschung. Berücksichtigt werden dabei auch jene besonders von HIV betroffenen Menschen und deren Geschichten, die in der allgemeinen Berichterstattung bzw. in historischen Rückblicken oft vernachlässigt oder ganz ignoriert werden: Drogengebrauchende, Sexarbeiter:innen, Hämophile sowie Menschen mit Migrationsgeschichte.
Axel Schock: Aids. Chronik einer Pandemie. . 648 Seiten, edition suhrkamp 2026.

