Amos Guttman „Amazing Grace“

Amos Guttmans Klassiker „Amazing Grace“ aus dem Jahr 1992 verwandelt Konflikte des Alltags in eine Vision der Liebe im Angesicht von allgegenwärtigem Leid. Als erster israelischer Film, der sich mit der Aids-Krise beschäftigt, ist er zudem eng mit der Biografie des Regisseurs verbunden: Guttman starb am 16. Februar 1993 im Alter von 38 Jahren. Sein Gesamtwerk blieb daher überschaubar, doch dessen Einfluss ist unschätzbar – zusammen mit der 2025 veröffentlichten restaurierten Fassung von „Amazing Grace“ ehrt auch Shauly Melameds Dokumentarfilm „Taboo: Amos Guttman“ (2024) das Schaffen des Filmregisseurs.

Die zentrale Figur in „Amazing Grace“ ist der 18-jährige Kinderbetreuer Jonathan (Gal Hoyberger), der mitten in einer Lebenskrise steckt. Sein Lover Miki (Aki Avni), der seinen Wunsch nach einer monogamen, festen Beziehung nicht teilte, hat sich gerade einen neuen Partner geangelt und ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Jonathan hat zudem eine selbstsüchtige Mutter, die auch noch seine Arbeitgeberin ist und ihm das Leben schwer macht. Da begegnet Jonathan Thomas (Sharon Alexander), der aus New York zu seiner in der Nachbarschaft lebenden Familie zurückgekehrt ist. Jonathan ist von diesem gutaussehenden Heimkehrer fasziniert – vielleicht, weil er den Mut aufgebracht hatte, in den USA den Traum einer Musikerkarriere zu verfolgen, aber auch wegen der Aura des in sich gekehrten Einzelgängers. Dass Thomas zurückgekehrt ist, um Abschied zu nehmen, will selbst seine Mutter nicht wahrhaben. Dass er ständig Tabletten schluckt, sich mühsam die Treppen hinaufquält und schnell erschöpft ist, entgeht ihr in ihrer Selbstbezogenheit. Sie sorgt sich einzig darum, dass ihr Sohn ihr wohl keine Enkelkinder mehr schenken wird. Thomas’ Krankheit wird im Film bis zuletzt nicht benannt, sie vermittelt sich mit jedem Blick und jeder Geste. Nur Thomas und die Zuschauer*innen wissen, dass die zarten Bande, die sich zwischen ihm und Jonathan entwickelt, nicht von Dauer sein werden, und dass Jonathan nicht, wie er insgeheim hofft, sein „Mann fürs Leben“ sein wird.

Besprechungen von Janick Nolting auf sissy.mag, zur Doku und Spielfilm auf magazin.hiv.
Foto (c): Salzgeber