Buchpublikatonen

Martin Reichert „Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik“

Wie hat die Bundesregierung auf die Aidskrise reagiert? Welche Kämpfe und Auseinandersetzungen waren in der Gesellschaft, in der Politik, aber selbst auch in den Familien und innerhalb der am meisten betroffenen Communities zu überstehen?

Der Berliner Journalist Martin Reichert, Jahrgang 1973, hat sich mit seinem Buch „Die Kapsel“ der Aufgabe gestellt, die Geschichte der Aidskrise in der Bundesrepublik von den ersten Krankheitsfällen, dem Aufbau von Selbst- und Aidshilfen bis zur Prä-Expositionsprophylaxe zu erzählen. Den Fokus legt er dabei ganz bewusst auf die Auswirkungen auf homosexuelle Männer.

Für sein Buch hat er u.a. auch beim bundesweiten Positiventreffen im Waldschlösschen sowie bei den Positiven Begegnungen 2016 in Hamburg recherchiert und schildert die dort eingefangenen Eindrücke, Erlebnisse und Lebensgeschichten in eigenen Kapiteln.

Anhand zahlreicher Begegnungen mit Aktivisten und Zeitzeug_innen, darunter auch die ehemalige Gesundheitsministerin Rita Süssmuth und der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, erzählt der Journalist Martin Reichert die Geschichte von Aids in der Bundesrepublik. „Martin Reicherts 'Die Kapsel' macht dabei vor allem eines deutlich: Die bis heute nicht stattfindende gesellschaftliche Aufarbeitung der Aidskrise in Deutschland ist eine verpasste Chance.", schreibt Dirk Ludigs in seiner Besprechung auf magazin.hiv.

Martin Reichert: „Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik“, 271 Seiten, Suhrkamp Verlag 2018.

 

Henning Tümmers: „AIDS. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland“

In seinem Grundlagenwerl zu den staatlichen Präventionsmaßnahmen in der BRD und DDR analysiert der Medizinhistoriker Henning Tümmers die Aidspolitik im geteilten Deutschland. Er schildert, wie latente Konflikte über die Rechte und Pflichten von Bürger_innen und Staat, über Sexualität, Lebensstile und Moralvorstellungen unter dem Eindruck einer damals noch unmittelbar tödlich verlaufenden Krankheit zutage traten und politische Debatten und gesellschaftliche Veränderungen in beiden deutschen Staaten befeuerte. In der Bundesrepublik entbrannte bald eine heftige politische Debatte über die vermeintliche Notwendigkeit, die Grundrechte von »Risikogruppen« wie Schwulen und Drogenabhängigen einzuschränken, und selbst in der abgeschotteten DDR versuchte die Regierung mithilfe heimlicher Bluttests und Überwachungsmaßnahmen gegen die neuartige »Seuche« vorzugehen. „Mit seiner Studie leistet Henning Tümmers eine umfassende vergleichende und verflechtungsgeschichtliche Analyse der Aids-Politik in der Bundesrepublik und der DDR während der 1980er-Jahre“, schreibt Zülfukar Çetin in seiner Rezension für “H-Soz-Kult“. 

Henning Tümmers: „AIDS. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland“, 374 Seiten, Wallstein Verlag 2017

 

Ulrich Würdemann: „Schweigen = Tod, Aktion = Leben“

Die-Ins, Strassen-Aktionen, Boykott, eine Dombesetzung - ab Ende der 1980er Jahre, zu Zeiten des Höhepunkts der Aids-Krise, wirbelte mit ACT UP eine neue Gruppierung die Aids-Politik auf. In ihren Aktionen manifestierte sich auch die Wut auf Ausgrenzung und Diskriminierung, auf Untätigkeit und Ignoranz. Nicht nur über uns, sondern mit uns - Menschen mit HIV und Aids wollten endlich selbst ihre Stimme erheben, wollten aktiv beteiligt werden.
1987 in New York entstanden, traten ab 1989 auch in Deutschland zahlreiche ACT UP Gruppen auf den Plan. Wie und aus welchen Beweggründen heraus entstand ACT UP? Was waren die wesentlichen Aktionen und Aktionsformen? Warum endete ACT UP nach wenigen Jahren wieder? 
Ulrich Würdemann, damals selbst ACT UP Aktivist, erinnert an ein Stück deutscher Aids-Geschichte und geht der Frage nach, ob ACT UP heute Mythos und 'Gerümpel der Geschichte' ist, oder uns heute noch etwas zu sagen hat. 

Ulrich Würdemann: „Schweigen = Tod, Aktion = Leben. ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993“, 172 Seiten, Epubli 14 Euro.

 

David France: "How to Survive a Plague: The Inside Story of How Citizens and Science Tamed AIDS"

Not since the publication of Randy Shilts’s classic And the Band Played On has a book measured the AIDS plague in such brutally human, intimate, and soaring terms.

In dramatic fashion, we witness the founding of ACT UP and TAG (Treatment Action Group), and the rise of an underground drug market in opposition to the prohibitively expensive (and sometimes toxic) AZT. We watch as these activists learn to become their own researchers, lobbyists, drug smugglers, and clinicians, establishing their own newspapers, research journals, and laboratories, and as they go on to force reform in the nation’s disease-fighting agencies. 

With his unparalleled access to this community David France illuminates the lives of extraordinary characters, including the closeted Wall Street trader-turned-activist, the high school dropout who found purpose battling pharmaceutical giants in New York, the South African physician who helped establish the first officially recognized buyers’ club at the height of the epidemic, and the public relations executive fighting to save his own life for the sake of his young daughter. 

David France: "How to Survive a Plague: The Inside Story of How Citizens and Science Tamed AIDS", Penguin Random House ​​​​​​,  New Yorik 2017

 

Avram Finkelstein "After Silence: A History of AIDS through Its Images"

Early in the 1980s AIDS epidemic, six gay activists created one of the most iconic and lasting images that would come to symbolize a movement: a protest poster of a pink triangle with the words “Silence = Death.” The graphic and the slogan still resonate today, often used—and misused—to brand the entire movement. Cofounder of the collective Silence = Death and member of the art collective Gran Fury, Avram Finkelstein tells the story of how his work and other protest artwork associated with the early years of the pandemic were created. In writing about art and AIDS activism, the formation of collectives, and the political process, Finkelstein reveals a different side of the traditional HIV/AIDS history, told twenty-five years later, and offers a creative toolbox for those who want to learn how to save lives through activism and making art.

Avram Finkelstein "After Silence: A History of AIDS through Its Images" , 223 p., University of California Press 2017

 

„Positive Pictures: A Gay History“

Der großformatige Bildband „Positive Pictures“ lässt die wichtigsten Kämpfe, Ereignisse und ihre Protagonisten aus drei Jahrzehnten Aids-Geschichte aus schwuler Sicht Revue passieren. Christian Lütjens und Paul Schulz, Redakteure des schwulen Monatsmagazins „Männer“, haben dieses besondere Coffeetable-Book zusammengestellt. Es ist die Geschichte von HIV und Aids aus schwuler Perspektive, eindrücklich erzählt anhand von rund 200 Abbildungen: mit Porträtfotos und dokumentarischen Bildern ebenso wie mit Zeitschriftencover und Safer-Sex-Plakaten. Im gleichen Maße wird auch die künstlerische Auseinandersetzung mit der Krankheit gewürdigt. „Kunst über Aids hat Aids sichtbarer gemacht“, schreibt Jonathan Katz in seinem Gastbeitrag. Bilder der Fotografen Robert Mapplethorpe und Nan Goldin, Arbeiten von Keith Haring sowie der Künstlergruppe General Idea sind zu Ikonen der Aidskultur geworden und haben sich selbst jenen ins Gedächtnis gebrannt, die sich mit Kunst eher weniger beschäftigen.

Christian Lütjens/ Paul Schulz: „Positive Pictures: A Gay History“, Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2013. (dt./engl.)

 

Tommaso Speretta: "Rebels Rebel: AIDS, Art and Activism in New York, 1979-1989"

Rebels Rebel looks at the history of AIDS activism undertaken by various artistic collectives in New York between 1979 and 1989. Among these once-controversial, now-legendary collectives were Gran Fury (who scandalized the 1990 Venice Biennale with their billboards juxtaposing the pope and his anti-contraception stance with a two-foot high penis), the Silence = Death Project (who appropriated and inverted the Nazis' pink triangle), Gang and DIVA TV. These collectives addressed concrete social problems using unconventional media, and in doing so helped to shift the public and political perception of the AIDS crisis. Collating a wealth of materials and perspectives, from graphic design to art works, and from sociopolitical to art-historical reflections, Rebel Rebels is an important and thorough examination of a rare overlap between art and activism during a time of heightened conservativism in America. It includes a full-color poster.

Tommaso Speretta: "Rebels Rebel: AIDS, Art and Activism in New York, 1979-1989", Afterword by Loring McAlpin, 264 p., Asamer Ghent 2014. Ca. 28 Euro.

 

„Aids in Literatur, Theater und Film: Zur kulturellen Dramaturgie eines Störfalls“

In ihrer Studie zeichnet die Schweizer Theaterwissenschaftlerin Beate Schappach die Entwicklung des Aids-Diskurses im deutschsprachigen Raum von den Anfängen in den 1980er Jahren bis zur Gegenwart nach. In der Rückschau werden die dominanten Strömungen und Gegenströmungen charakterisiert und die entscheidenden Drehpunkte des Diskurses akzentuiert. Besonderes Augenmerk gilt dem Beitrag von Literatur, Theater und Film zur gesellschaftlichen Verarbeitung von Aids. Die systematische Analyse macht die komplexen Wechselverhältnisse zwischen den Massenmedien, den fiktionalen Gattungen sowie dem medizinischen Diskurs zu HIV und Aids sichtbar.

Beate Schappach: „Aids in Literatur, Theater und Film: Zur kulturellen Dramaturgie eines Störfalls“, Chronos Verlag Zürich 2012